Ihr aha. Moment (04/21)

Informelle Pflege wiegt schwer

Schätzungen zufolge wird die Zahl der Pflegegeldbeziehenden von 447.000 Personen im Jahr 2015 auf 746.000 Personen im Jahr 2050 anwachsen. Laut Pflegedienstleistungsstatistik ist die Zahl der betreuten Personen von 2014 bis 2019 in der mobilen Pflege um neun Prozent und die Zahl der stationär betreuten Personen um 30 Prozent gestiegen. Ein Teil der Pflegearbeit wird informell von Familienangehörigen oder Freunden geleistet, sehr häufig von Frauen. Pflegearbeit kann für Betroffene sehr belastend sein, vor allem, wenn versucht wird, Erwerbstätigkeit und Pflege zu vereinbaren.

Gemäß Gesundheitsbefragung ATHIS haben im Jahr 2019 rund 15 Prozent der Bevölkerung über 15 Jahre oder 1,13 Millionen Personen mindestens einmal pro Woche jemanden betreut. Die Zahl der pflegenden Männer ist seit 2014 von rund 566.000 auf 450.000 Personen oder um 20 Prozent zurückgegangen; bei Frauen war der Rückgang niedriger – von 716.000 auf 685.000 Personen oder vier Prozent. Gründe für den Rückgang müssen untersucht werden. Eine wesentliche Rolle dabei könnte der Wegfall des Pflegeregresses seit 1. Jänner 2018 spielen.

Eine wertmäßige Erfassung des Ausmaßes der informellen Pflege gibt es in Österreich bislang nicht; dabei spart sie dem Staat sehr viel Geld. Wir schätzen, dass jährlich rund 12,3 Milliarden Euro an unbezahlter Wertschöpfung allein dadurch entsteht. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass das Regierungsprogramm 2020 zwar eine Stärkung der pflegenden Angehörigen vorsieht, aber ein Bekenntnis zu höheren Ausgaben für professionelle Pflegedienste vermeidet. Laut EuroSTAT-Daten sind Pflegeausgaben in Österreich vergleichsweise gering. Kosten der informellen Pflege sind den zusätzlichen Kosten für die Versorgung in Pflegeheimen gegenüberzustellen, die durch den Wegfall des Pflegeregresses voraussichtlich entstehen. Die Schaffung eines Satellitenkontos in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ist angedacht.

Literatur:

Famira-Mühlberger, U., Matthias Firgo, Oliver Fritz, Klaus Nowotny, Gerhard Streicher, Alexander Braun (2017). Österreich 2025 – Herausforderungen und volkswirtschaftliche Effekte der Pflegevorsorge. WIFO-Monatsberichte, 2017, 90(8), S. 639-648 639, Wien

Singhuber, Ch., Colette Fleischer, Maria M. Hofmarcher (2020). Viele Versprechen, wenig Finanzierung. HS&I Fast Track, Jänner, Wien Statistik Austria (2020): ATHIS, österreichische Gesundheitsbefragung 2019. Wien.

UNECE (2019). Die schwierige Rolle informeller Pflegepersonen. UNECE Kurzdossier zum Thema Altern Nr. 22; November

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