GESUNDHEIT MIT ZUKUNFT. FORSCHEN. ENTWICKELN. BEWEGEN.

Thema

Modellregion: Verantwortung und Finanzierung in einer Hand

  • Aufbau einer Modellregion („Verantwortung und Finanzierung in einer Hand“)
  • Eine wissenschaftlich fundierte Bedarfsplanung für integrierte Versorgung
  • Dokumentation der Arbeitszeiten und Bezahlsysteme in der Modellregion
  • Gezielte Informationsaufbereitung durch Newsletter und Infografiken zu den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen der fragmentierten Steuerungs- und Finanzierungsstrukturen
  • Modelle und Werkzeugkasten zur Finanzierung integrierter Versorgung
  • Versorgung verbessern, Finanzströme erfassen, Verschwendung vermeiden
  • Konsequente Zusammenführung von Ausgaben-Aufgaben- und Finanzierungsverantwortung
  • Strategisch orientierte Investitionen in Digitalisierung und sicheren Datenverkehr

Eine Modellregion kann Wege aufzeigen, wie die Versorgung patientenorientiert ausgebaut werden kann und kostengünstig bleibt. In einer Modellregion arbeiten Sozialversicherung, Länder und Bund enger und koordiniert zusammen, damit der Zugang und die Versorgung insbesondere für chronisch Kranke besser werden. Dadurch wird Qualität gesteigert und Ineffizienz gemildert, die durch die ausgeprägte Mischfinanzierung in Österreich entsteht.

Unübersichtlich, verzweigt und aufgesplittert: Die Finanzierung des österreichischen Gesundheitssystems erfolgt durch mehrere Institutionen und Einrichtungen.
Ausgaben-, Aufgaben- und Finanzierungsverantwortung fallen auseinander. Dadurch wird Geld verschwendet, das sinnvoller für die dringend notwendige Verbesserung der Versorgung eingesetzt werden sollte. Eine Modellregion kann Wege aufzeigen, wie die Versorgung patientenorientiert ausgebaut werden kann und kostengünstig bleibt.

Finanzflüsse des österreichischen Gesundheitssystems

Quelle: Hofmarcher, Maria M., Health systems in transition, http://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0017/233414/HiT-Austria.pdf

Das österreichische Gesundheitssystem ist geprägt durch

  • die föderalistische Struktur des Landes,
  • die Delegation von Kompetenzen an die Akteure der Selbstverwaltung und
  • akteursübergreifende Strukturen auf Bundes- und Landesebene, die gemeinsam für Planung, Koordinierung und Finanzierung zuständig sind.

In der Bundesverfassung ist geregelt, dass fast alle Bereiche des Gesundheitswesens primär in die Kompetenz des Bundes fallen. Dies gilt nicht für die Krankenanstalten. Hier legt der Bund zwar die Grundsätze fest, die Ausführungsgesetzgebung und Vollziehung liegen jedoch bei den Bundesländern. Die Sozialversicherung ist im Wesentlichen für die ambulante haus- und fachärztliche Versorgung zuständig, die Bundesländer sind für die Krankenanstalten („secondary care” und „tertiary care”) verantwortlich.

Auf Bundesebene werden die Bereitstellung und Finanzierung von Sozial- und Gesundheitsleistungen reguliert durch

  • das Sozialversicherungsrecht,
  • die Gesetze auf Basis der Finanzausgleichsverhandlungen sowie
  • die Vereinbarungen gemäß Art. 15a des Bundes-Verfassungsgesetzes zwischen Bund und Ländern.

Die Bundesländer sind verpflichtet, ausreichende stationäre Behandlungskapazitäten zur Verfügung zu stellen. Sie tun dies im Rahmen der Bundesvorgaben und in Kooperation mit den Sozialversicherungen. Landesgesundheitsplattformen und Zielsteuerungsstrukturen sollen das Gesundheitssystem sektorenübergreifend weiterentwickeln. Dies passiert derzeit jedoch nur ungenügend.

Im ambulanten Sektor, aber auch in den Bereichen Rehabilitation und Arzneimittel, verhandeln Krankenversicherungsträger bzw. der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherung mit den Kammern (ÄrztInnen und ApothekerInnen), der gesetzlichen Vertretung der Hebammen oder den Berufsvertretungen anderer Gesundheitsberufe. Diese Selbstverwaltungsstrukturen organisieren und finanzieren die Leistungserbringung eigenständig innerhalb des gesetzlichen Rahmens. Stellenpläne regeln die Zahl und die örtliche Verteilung von VertragsärztInnen und Vertragsgruppenpraxen.

Alle Belange des öffentlichen Gesundheitsdienstes werden grundsätzlich auf Bundesebene koordiniert und überwacht (z.B. Sicherstellung und Verbesserung des Gesundheitszustandes der Bevölkerung, überregionales Krisenmanagement, Impfwesen). Viele dieser Aufgaben sind im Rahmen der mittelbaren Bundesverwaltung an die Länder und Gemeinden, aber auch an die Sozialversicherung delegiert. Für Arzneimittel gibt es in Österreich eine Positivliste, den sogenannten Erstattungskodex (EKO), der die zugelassenen, erstattungsfähigen und gesichert lieferbaren Arzneimittel auflistet.

Komplex, intransparent, teuer

Das Gesundheitssystem ermöglicht einen sehr guten Zugang zur Versorgung, ist aber sehr komplex [RH 2017, OECD 2017, LSE 2017] und intransparent [KPMG 2017]. Die Kosten des Gesundheitssystems in Österreich sind hoch [OECD/EU 2016]. Sowohl in absoluten Zahlen als auch in Prozent des BIP liegen sie über dem Durchschnitt der EU15. Umso schwerer wiegt daher, dass die Anzahl der gesunden Lebensjahre in Österreich nach wie vor deutlich unter dem EU-Schnitt liegt. Internationale und nationale Studien zeigen, dass die Effizienz des österreichischen Gesundheitswesens verbessert werden könnte [Hofmarcher 2013, Gonenc et al 2011].

Eine wesentliche Ursache für die Ineffizienz des österreichischen Gesundheitswesens ist die Fragmentierung von Verantwortlichkeiten und Finanzierung. Die Vielzahl unterschiedlicher Bezahlsysteme in den einzelnen Sektoren trägt zu den Ungleichgewichten in der Versorgung bei.

Allen gesundheitspolitischen AkteurInnen ist bewusst, dass die Auswirkungen der Fragmentierung in den Zuständigkeiten oft die Qualität und den Zugang für Menschen beeinträchtigen. In den letzten 20 Jahren wurden beispielsweise Modelle eines besseren Schnittstellenmanagements ausprobiert. Es wurden große Hoffnungen in „Reformpool“-Projekte gesetzt, die aber oft nicht nachhaltig entwickelt und unterdotiert waren. Mittlerweile hat sich — auch aus diesen Projekten heraus — in vielen Krankenhäusern Entlassungsmanagement etabliert. Diese Strukturen sind jedoch nur Teillösungen.

Die Gesundheitsreform 2013 ist einen Schritt weitergegangen, die Zusammenarbeit zwischen AkteurInnen zu stärken. Damit wurde jedoch gleichzeitig ein neues Verwaltungsuniversum geschaffen, das nach wie vor nicht sicherstellt, dass Planung und Finanzierung der Versorgung mit einer gemeinsamen Hand gemacht wird.

In einer "Modellregion — Verantwortung und Finanzierung in einer Hand" arbeiten Sozialversicherung und Länder mit starker Unterstützung durch den Bund enger und koordiniert zusammen. Dies muss auch die Pflege miteinschließen. Dadurch kann der Zugang verbessert und die Versorgung insbesondere für chronisch Kranke besser integriert werden. Außerdem belegen internationale Studien, dass die Integration von administrativen Ebenen und Zuständigkeiten kostendämpfend ist und dass Ineffizienz gemildert wird [Hofmarcher et al 2007].

Ausgewählte Literatur

Gonenc R., Hofmarcher MM and A. Wörgötter. Reforming Austria’s highly regarded but costly health system, OECD Economics Department Working Paper, No. 895, September 2011

Hofmarcher, M. M. (2013). Austria: Health system review. Health Systems in Transition, 15(7), 1–291.

Hofmarcher MM, H. Oxely, E. Rusticelli (2007) Improved Health System Performance through better Care Coordination (together with Howard Oxley and Elena Rusticelli), OECD Working Paper, DELSA/HEA/WD/HWP(2007)/6

KPMG (2017): Through the looking glass: A practical path to improving healthcare through transparency, 133989-G, April

OECD/EU (2016), Health at a Glance: Europe 2016 – State of Health in the EU Cycle, OECD Publishing, Paris. http://dx.doi.org/10.1787/9789264265592-en

OECD 2017, State of Health in the EU: Österreich Länderprofil Gesundheit 2017 https://www.oecd.org/els/health-systems/Country-Health-Profiles-2017-AUSTRIA-Media-Briefing.pdf

RH- Rechnungshof: Mittelflüsse im Gesundheitswesen“ (Reihe Bund 2017/10; Sbg 2017/1; Bgld 2017/ 2) 17. März 2017

LSE 2017: Efficiency Review of Austria’s Social Insurance and Healthcare System Volume 1 – International Comparisons and Policy Options, London School of Economics and Political Science (LSE Health). August 2017

TASKFORCE GESUNDHEIT NEU DENKEN! http://www.patientenanwalt.com/download/Patientenzentrierte_Projekte/MANIFEST_Gesundheit_neu_denken.pdf