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Thema

Primärversorgungszentren: zugänglich, bedarfsgerecht, beliebt

  • den zügigen Auf- und Ausbau der Primärversorgung außerhalb von Krankenanstalten und eine Zusammenführung von Gesundheits- und Pflegeleistungen
  • die regelmäßige Erhebung der Zufriedenheit der PatientInnen unter Berücksichtigung von Genderaspekten
  • die Einrichtung eines „Lernzentrums Primärversorgung“ nach dem Motto „Wer braucht wann welche Skills?“
  • Fortschrittsberichte zur Entwicklung der Primärversorgung in Österreich
  • Information der Öffentlichkeit unter Berücksichtigung internationaler Evidenz durch Newsletter und Infografik
  • Erarbeitung eines Indikatoren-Sets zur Bewertung der Primärversorgung in Österreich
  • Niederschwelligen Zugang zu Qualität notwendiger Leistungen
  • Patientenorientierung der Primär- und Pflegeversorgung, kostenschonend
  • Primärversorgungszentren müssen in Österreich Tradition werden

Primärversorgungszentren müssen in Österreich Tradition werden. Bis heute steht die rasche Wiederherstellung von PatientInnen im Vordergrund. Die koordinierte, wohnortnahe Versorgung ist noch immer unausgereift. Gleichzeitig muss mehr für Gesundheit getan werden und der Bedarf nach Versorgung wächst. Wir haben keinen generellen Ärztemangel, wir haben ein Verteilungsproblem und andere Gesundheitsberufe sind oft nicht adäquat eingesetzt. Im Vergleich zum Rest der Eurozone wird in Österreich relativ wenig für ambulante Versorgung ausgegeben.

Primärversorgung stellt niederschwelligen Zugang zu personenzentrierter Gesundheitsversorgung sicher. Hier werden notwendige Leistungen bedarfsorientiert koordiniert [EXPH 2014]. Sie wird durch ein Team von ärztlichen und nicht-ärztlichen Gesundheitsberufen erbracht. Um die Kontinuität in der Versorgung sicherzustellen, ist die Zusammenarbeit mit PatientInnen, Angehörigen und informellen BetreuerInnen sehr wichtig.

Internationale Beispiele zeigen, dass solche Versorgungsmodelle

  • Gesundheit fördern,
  • unnötige Krankenhausaufnahmen verringern und
  • das Kostenwachstum verlangsamen [Kringos et al 2013].

Trotzdem sind diese Modelle in Österreich nicht sehr stark entwickelt. 85% der HausärztInnen in Österreich arbeiten vorwiegend in Einzelpraxen. Durchschnittlich sind diese 20,5 Stunden pro Woche geöffnet, 50 PatientInnen werden pro Arbeitstag versorgt [Hoffmann et al. 2015].

Aktuell sind etwa ein Fünftel aller berufsberechtigten ÄrztInnen KassenärztInnen. Sie werden über regionale Stellenpläne ausgewählt und haben einen Vertrag mit den Krankenversicherungsträgern [Hofmarcher 2013]. Ambulante Versorgung wird in Österreich hauptsächlich in solchen Praxen erbracht. Daneben gibt es die Möglichkeit, Ambulatorien oder Spitalsambulanzen aufzusuchen. Ein Arzt oder eine Ärztin im Kassensystem hat für eine/n PatientIn durchschnittlich fünf Minuten Zeit. In der Schweiz oder in Schweden steht bis zu viermal so viel Zeit zur Verfügung, in Deutschland sind es immerhin acht Minuten [Irving et al 2017].

Ausbau der ambulanten Versorgung: Immer angestrebt, aber kaum etabliert

Seit Mitte der 1970er Jahre gibt es Bemühungen, die ambulante Versorgung außerhalb von Krankenanstalten auszubauen – mit mäßigem Erfolg [Hofmarcher 2010]. Die Gesundheitsreform 2013 lockerte die seit damals geltende Doktrin „ambulant vor stationär“, und erstmals wurde über die Bedingungen für eine Versorgung am „best point of service“ [Hofmarcher 2017] nachgedacht. Das Ziel: Bis 2017 sollte 1% der Bevölkerung in solchen Zentren betreut werden. Dieses Ziel wurde nicht erreicht.

Gesundheitsausgaben pro Bereich
in % der gesamten laufenden Ausgaben für Gesundheit, pro Kopf, zu konstanten Preisen.

Quelle: OECD November 2017, HS&I Berechnungen.

Bislang konnten sich nur zwei Primärversorgungszentren (Maria Hilf in Wien und das Gesundheitszentrum Enns) etablieren. Sie haben längere Öffnungszeiten als Einzelpraxen und bieten auch mehr Leistungen an. Erste Evaluierungen zeigen positive Entwicklungen bei Management, Vertrauen und Arbeitszufriedenheit [Fröschl et al., 2017].

Bis 2020 sollen sich 75 Primärversorgungszentren etablieren [GRUG, 2017]. Dies soll mit Hilfe neuer Einrichtungen oder durch mehr Gruppenpraxen erreicht werden. Auch Netzwerke von Praxen bzw. Gesundheitspersonal wären möglich. Bislang gibt es weder eine transparente Dokumentation noch Pläne dazu, wie viele und welche Arbeitskräfte in der Primärversorgung gebraucht werden und wie zeitgemäße Honorierungsmodelle gestaltet werden könnten. Gleichzeitig steigt der Versorgungsbedarf, weil die Anzahl der Menschen mit chronischen Erkrankungen wächst. Außerdem leben immer mehr Personen zu Hause, die beides brauchen: Gesundheits- und Pflegeleistungen. Dafür müssen diese beiden Bereiche besser als bisher aufeinander abgestimmt werden. Die 2017 vorgenommene Zusammenführung des Sozialressorts mit dem Gesundheitsressort bietet die Chance, dass es hier zu Verbesserungen kommt. Umfragen zeigen, dass die Menschen in Österreich den Aufbau von Primärversorgungszentren wünschen – und damit längere Öffnungszeiten, mehr Koordination des Leistungsangebotes und mehr Kooperation zwischen den Gesundheitsberufen [HVB 2015].

Ausgewählte Literatur

EXPH (EXpert Panel on effective ways of investing in Health), Definition of a frame of reference in relation to primary care with a special emphasis on financing systems and referral systems 27 February 2014

Fröschl B, Antony K (2017). Evaluation des Projekts PHC – Primärversorgungszentrum Medizin Mariahilf , Kurzbericht zum 1. Evaluierungsjahr, Gesundheit Österreich Forschungs- und Planungs Gmbh, Vienna: 2017. Retrieved from http://www.medizinmariahilf.at/wp-content/uploads/2017/06/kurzbericht_evaluierung_phc_mm_1_zb.pdf

GHZ Enns (2017). Gesundheitszentrumm Enns GmbH [Health care center Enns GmbH]. Retrieved from https://www.ghz-enns.at/

GRUG2017- Gesundheitsreformumsetzungsgesetz2017 – 131 Bundesgesetz, BGBL, 2. August 2017, Wien.

Hoffmann, K., George, A., Dorner, T. E., et al. (2015). Primary health care teams put to the test a cross-sectional study from Austria within the QUALICOPC project. BMC Family Practice, 16(1), 168.

Hofmarcher, M. M. (2010). Ambulatory care reforms fail to face the facts? Health Policy Monitor (2010, April). Retrieved from http://hpm.org/en/Surveys/GOEG_-_Austria/15/Ambulatory_care_reforms_fail_to_face_the_facts_.html, accessed January 2018.

Hofmarcher, M. M. (2013). Austria: Health system review. Health Systems in Transition, 15(7), 1–291.

Hofmarcher, M.M (2017). Ambulant vor Stationär: Wirklich? Eine Sittengeschichte aus Österreich, Vortrag beim 4. Zürcher Forum für Versorgungsforschung, Zürich Juni 2017

Hofmarcher, M.M, S. Mayer, N. Perić, Th. Dorner (2018). Primary Health Care Centers: A Silver Bullet? In Braithwaite et. al. (Ed.), Health Care Systems: Future Predictions for Global Care. CRC Press, in press

HVB, Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger. (2015). Umfrageergebnisse: Bevölkerungsstudie – Gesundheit 2015 [Population survey – health 2015]. Retrieved from http://www.hauptverband.at/portal27/hvbportal/content?contentid=10007.758811&viewmode=content

Irving G, Neves AL, Dambha-Miller H, et al International variations in primary care physician consultation time: a systematic review of 67 countries BMJ Open 2017;7:e017902. doi: 10.1136/bmjopen-2017-017902

Kringos, D. S., Boerma, W. van der Zee, J. et al. (2013). Europe’s strong primary care systems are linked to better population health but also higher health spending. Health Affairs, 32(4), 686-694.

Maria Hilf (2017). Medizin Mariahilf, Gruppenpraxis für Allgemeinmedizin OG [Group practice for general medicine OG]. Retrieved from http://www.medizinmariahilf.at/